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Warum wir weniger Antibiotika schlucken sollten

Wir nehmen zu viele Antibiotika ein. Die Folge: Es entstehen mehr widerstandsfähige Erreger, die Mittel helfen nicht mehr. Doch wir können selbst viel dagegen tun
von Franziska Draeger, aktualisiert am 17.11.2016

Antibiotika: Hergestellt werden sie in Massen, nehmen sollte man sie aber nur gezielt

Getty Images/Monty Rakusen

Bakterien, die gegen viele Wirkstoffe immun sind, überleben nicht lange. Ihre Sonderbegabung – die Resistenz – hat einen hohen Preis: Die Keime sind nicht sehr fit, können sich nicht durchsetzen. Normalerweise. Zu häufige Antibiotika-Gaben in der Tiermast und der Humanmedizin ändern das. Jedes Mal, wenn Menschen oder Tiere ein Antibiotikum bekommen, werden die meisten Erreger getötet, die resistenten aber bleiben übrig – und können sich vermehren. Ohne Druck ihrer lebenstüchtigeren, aber abwehrschwachen Konkurrenten.

Die lebensgefährliche Folge für uns: Zunehmend mehr Bakterien entstehen, gegen die kein Medikament hilft. In Europa wird die Zahl der Todesfälle durch diese multiresistenten Erreger auf jährlich 10.000 bis 25.000 geschätzt. Die Hochrisiko-Keime scheinen sich schneller zu entwickeln, als Medizin und Politik auf den Übergebrauch von Antibiotika reagieren. Aktuelle Zahlen belegen erneut: Bei Erwachsenen bleibt die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen konstant hoch.

Zwar sind 41 Millionen Packungen Antibiotika, die deutsche Apotheker im Jahr 2015 abgegeben haben, eine Menge. Dies sind aber 17 Prozent weniger als noch zehn Jahre zuvor. Das zeigt eine Analyse von Rezepten für gesetzlich Versicherte durch das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI). Während im Jahr 2005 noch 710 Packungen Antibiotika pro 1000 Versicherte abgegeben wurden, waren es im Jahr 2015 nur noch 590 Packungen.


Antibiotika, die gegen viele Bakterien wirken, sind kritisch

Bei kritischen Infekten sind diese Arzneien überlebenswichtig, wenn jemand sehr schwer erkrankt und die Zeit knapp wird. Oft aber werden die Mittel vorschnell gegeben. Alarmierend ist vor allem der verschwenderische Umgang mit sogenannten Breitband-Antibiotika, die gegen viele verschiedene Keime gleichzeitig wirken. Gleiches gilt für die wertvollen Reserveantibiotika, die so selten wie möglich eingesetzt werden sollten.

Wieso, das zeigt ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Das Antibiotikum Colistin galt als eine der letzten Waffen gegen multiresistente Darmbakterien. Kürzlich wurde aber ein Gen entdeckt, das die Keime dagegen resistent macht. Erst tauchte es in China auf, wenig später auch bei uns in Deutschland.

Experten warnen seit Langem vor Szenarien wie diesem, passiert ist bisher wenig. In der Landwirtschaft und in Kliniken wird der Verbrauch inzwischen öffentlich kontrolliert, in den Arztpraxen aber nicht. Braucht es dafür politische Lösungen? Die Meinungen dazu sind unterschiedlich.

Professorin Ursel Heudorf ist stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts Frankfurt/Main

W&B/Michael Hudler

Der Apotheker Dr. Ronald Meurer von der DAK Gesundheit hält Kontrollen zumindest bei Reserveantibiotika für sinnvoll. "Die Gabe sollte auf wirkliche Notfälle beschränkt werden. Zusätzlich zum Rezept könnte eine verpflichtende Dokumentation Transparenz bieten." Professor Colin MacKenzie vom Uniklinkum Düsseldorf fordert einen "Antibiotikum-Schein für niedergelassene Ärzte". So, wie sie einen Radiologie-Schein brauchen, um röntgen zu dürfen, sagt er, sollten sie auch einen Schein für die Verschreibung dieser elementaren Arzneien haben. Professorin Ursel Heudorf, Mitbegründerin des MRE-Netzwerks Rhein-Main (MRE = multiresistene Erreger), sieht das anders: "Ich setze auf freiwillige Aufklärung."

Patienten fordern zu oft Antibiotika ein

Den Kern des Problems spiegelt folgendes Szenario wider: Ein schwer erkälteter Patient kommt zum Arzt. Gerne möchte er übermorgen schon wieder ins Büro, um einen Termin einzuhalten. Das geht, so hofft er, wenn er ein Antibiotikum schluckt. Nach wie vor wollen 76 Prozent der Deutschen ein Antibiotikum, wenn sie eine hartnäckige Erkältung haben, wie ein Report der DAK zeigt.

Was viele Patienten nicht wissen: Fast immer ist der Krankmacher ein Virus. Und dagegen sind Antibiotika machtlos. "Leider gilt meist: Eine Grippe dauert ohne Antibiotika eine Woche und mit Antibiotika sieben Tage", so Ursel Heudorf. "Nur dass das Mittel eventuell noch Nebenwirkungen wie Durchfall mitliefert." Dennoch stellt der Arzt manchmal ein Rezept aus. Vielleicht, weil er zumindest irgendetwas für den Patienten tun will. Oder weil er fürchtet, dieser wechsele sonst den Arzt.

Irrglaube: Antibiotika vorsorglich einnehmen

Fast 30 Prozent aller Rezepte waren 2013 potenziell unnötig, urteilte der DAK-Report. Vor allem bei Infektionen der oberen Atemwege und Bronchitis wurden entgegen den Therapieleitlinien häufig Antibiotika verschrieben. Auch hält sich der Irrglaube, dass es sinnvoll sei, Antibiotika vorsorglich zu geben, wenn jemand eine Virusinfektion hat: Womöglich kommt eine Bakterieninfektion dazu ... Die sollte man aber in der Regel erst behandeln, wenn sie tatsächlich auftritt. Und zwar gezielt, mit dem passenden Mittel.

Höchste Zeit für Informationen. Im Rahmen der Aktion "Weniger ist mehr" hat das MRE-Netzwerk Rhein-Main, in dem sich Heudorf engagiert, deshalb Flyer für Ärzte und Patienten erstellt. Darauf steht, wann Antibiotika unnötig sind und welche Hausmittel stattdessen helfen. Der Erkrankte kann selbst etwas tun. Und der Arzt kann dem Patienten etwas bieten – ohne Antibiotika-Rezept.

Um auf den neuesten Stand zu kommen, besuchen einige Ärzte zudem bereits spezielle Antibiotika-Fortbildungen. "Doch eigentlich sollten das alle niedergelassenen Ärzte tun", sagt Mac-Kenzie. Und dafür die von ihm geforderte Antibiotika-Lizenz erhalten.

Mittel nur gezielt einsetzen

Ein weiterer Ansatz: Erregertests, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigen, ob Viren oder Bakterien den Infekt hervorrufen. Leider sind sie teuer und werden nicht vergütet. "Das MRE-Netzwerk versucht, solche Tests billiger zu bekommen", sagt Heudorf.

Vor allem aber müssten auch international Lösungen her. In vielen Ländern ist die Situation noch dramatischer als bei uns. Meurer fordert: "Die Verschreibungspflicht muss weltweit strenger werden." Keime machen an keiner Grenze halt.



Bildnachweis: Getty Images/Monty Rakusen, W&B/Michael Hudler

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